Nächte bunter als Tage - Warum Menschen nachts ausgehen
Lustig und frei
Das nächtliche Leben mit seinen Bars,
Lokalen, Clubs, Nachtcafés und Amüsiermeilen hat einen wesentlichen
Ursprung in der höfischen Festkultur des Barock. Nachtleben und
Nachtschwärmer stammen von vornehmen Vorfahren ab. Vielleicht liegt
darin ein Grund, warum dem Nachtschwärmen auch bis unsere Tage noch ein
gewisser Hauch des Anrüchigen und Antbürgerlichen anhaftet. Die
absolutistischen Höfe entwickelten im 17. Jahrhundert aus der
kulturgeschichtlich alten Tradition des Freudenfeuers ein neues
ästhetisches Gesamterlebnis, das sich weit in die bis dato dunkle Nacht
ausbreitete. Kunstvolle Lichtdarbietungen, Feuerwerke, Theater- und
Musikaufführungen und erlesene Menüs lockten feiernde Menschen in die
Nacht. Noch in der Renaissance waren die Feste im hellen Tageslicht
gefeiert worden. Nun begannen sie nach Sonnenuntergang. Dabei war das
nächtliche Feiern eine eindeutige und augenfällige Klassenfrage. "Um
acht oder neun Uhr ist Theater, um Mitternacht ein Souper..., und danach
ist Tanz bis zum Morgengrauen. Und wenn in der Dämmerung die Karossen
vom Hofe heimkehren, begegnen sie in den Gassen den Bürgern, die sich an
ihre Arbeit begeben."(Schivelbusch 1986, 134) Abseits der feiernde Höfe
blieb die Nacht für die städtischen Massen noch weit bis in das 18.
Jahrhundert hinein ein versperrter Ort. Erst die zunehmende
Urbanisierung im 19. Jahrhundert, die technische Perfektionierung der
Beleuchtung und die Herausbildung kultureller und gastronomischer
Einrichtungen öffnete die Nacht Schritt für Schritt für ein
amüsierwilliges bürgerliches und proletarisches Publikum. Auch wenn
heute die Stadtnacht längst für fast alle zugänglich geworden ist,
haftet den späten Stunden immer noch eine exotische Aura an.
So
grenzen auch die von mir befragten Nachtschwärmer, das ist in vielen
Interviews deutlich geworden, Nachtleben bewusst gegen
Normalitätsvorstellungen ab, die dem Tag, deutlicher noch dem Alltag
zugeschrieben werden. Diese Gegenüberstellung verwundert nicht, geht sie
doch kulturgeschichtlich auf ein, langezeit auf den Tag gegründetes
Ordnungsbild unserer Gesellschaft zurück. Schwärmer führen, so weiß
schon eine Redewendung aus dem 16. Jahrhundert "ein lustiges, freies
Leben" (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen 1995, 1256). Sie weichen
von der Ordnungsmoral ab, die gemeinhin als "anständige" und
"arbeitsame Normalität" bezeichnet wird, was deutlich macht, dass diese
Ordnungsvorstellungen tageszentristisch geprägt sind. Viele
Nachtschwärmer dagegen richten ihre Aktivitäten auf die Überwindung der
im Alltag existierenden Grenzen. Die nächtliche Zeit wird dabei als ein
Denk- und Handlungsraum erlebt, in dem die sinnlichen, sozialen und
kulturellen Grenzen der Tagesidentität gelockert werden. In meinen
Gesprächen mit Nachtschwärmern sind immer wieder Spuren potentieller
Entgrenzungen aufgetaucht. Begriffe wie "Offenheit", "Sehnsucht",
"Kontrolllosigkeit", "Risikobereitschaft" und "Hemmungslosigkeit"
beschreiben diese sinnlich offene Atmosphäre der Nacht. Die Nacht ist
für Nachtschwärmer ist ein relativ offener Gestaltungsraum mit
spezifischen Möglichkeiten der Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung,
die sich spiegelnd, ergänzend und korrigierend auf den Tag beziehen. In
der Nacht fragt der Mensch nach seiner Existenz, danach, was noch offen
bleibt.
Und erstrahlt erst diese Nacht durch Beleuchtung, Alkohol
und Musik, so ist - wie durch eine Droge - die Entrückung von der
Tagesrealität vollendet und der "Schauplatz eines zweiten, symbolischen
Lebens" geschaffen (Schivelbusch 1986, 134). Eine 31jährige passionierte
Nachtschwärmerin sagte in einem Interview dazu: "Ich werde einen Teufel
tun, meinen älteren Kollegen früh im Büro zu erklären, was ich in der
Nacht erlebt habe!" Und eine junge Verkäuferin erklärte mir: "Am Tag bin
ich in meiner Rolle eingesperrt, aber nachts, da bin ich frei!" "Unsere
Nächte sind bunter als eure Tage", titelt so auch ein bundesdeutsches
Magazin in einem Beitrag über Nachtschwärmer (Schmitz-Normann 2000, 119)
. Vier wesentliche Motive dieser Nachtbegeisterung möchte ich Ihnen in
diesem Beitrag vorstellen.
Unterhaltung und Stil
Der Nachtbetrieb ist Schauplatz und
Probierbühne. Masken werden aufgesetzt und Kostüme gewagt, Szenen
entworfen und Rollen gespielt. Es gibt Akteure und Publikum, die
Übergänge können fließend sein. Gemeinsam verfolgen Nachtschwärmer das
Projekt des "unterhaltsamen", "spannenden" und "schönen" Abends. Dabei
findet der Auftakt des nächtlichen Ausgehens Zuhause statt. Duschen,
Schminken, Haare kämmen, frische Sachen anziehen, die Rituale des
Schönmachens sind individuell verschieden. Doch allen geht es darum,
"den Abend zu etwas Besonderem zu machen", "sich in Stimmung zu
bringen". Der ästhetisierte Übergang in die Nacht, so lässt sich
resümieren, setzt das sichtbare Abstreifen des Tages voraus. Er ist mehr
als ein Übergang von Arbeits- in Freizeit, da nicht jede
Freizeithandlung diese Selbstmodellierung verlangt. Der Wechsel vom Tag
in die Nacht trägt auf der Ebene der Handlungen und Bedeutungen den
Charakter eines Übergangsrituals, das den Transfer von den definierten
Tagessituationen in die gewünschten Nachtlagen ermöglicht. Der Akt des
"Herausputzens" ist intentional mit den Wünschen und Erwartungen an den
Abend verwoben und als ein Versuch zu verstehen, die schönen Erwartungen
in der verschönerten eigenen Person zu repräsentieren. Schließlich
setzt das Besondere des Abends die besondere Ausstrahlung des Selbst
voraus. Auch die physiognomischen Oberflächen des "Weggeh-Ichs"- das
sichtbare Lachen, die offenen Gesichter, die suchenden Blicke, die
sehnsuchtsvollen Augen - sind Ausdruck der Verleiblichung der Hoffnungen
und stellen als Konjunktive einen ersten Zugriff auf den Abend dar.
Selbst in der Entscheidung für eine bestimmte Garderobe, nehmen einzelne
Einfluss auf ihre Stimmungen und auf den gewünschten Verlauf des
Abends, richten sich auf Szenen und Milieus aus, die sie aufsuchen
werden. Der Wunsch, "gut anzukommen", hängt ja auch von anderen Menschen
ab. Über Erfolg oder Misserfolg, über Outfit und Auftritt entscheidet
unter anderem auch die Konkurrenz. In einem Kneipenführer steht schwarz
auf weiß, was alle wissen: " ... das Leben in der Stadt ist Kunst und
die Kneipe die gesteigerte Anforderung an die Einhaltung der
Stilregeln." (Berlin zwischen Sekt & Selter 1992, S. 7)
Die
aktive Suche nach Kontakt und Kommunikation der überwiegend 20 bis
40jährigen Nachtschwärmer erfordert, sich auf dem Markt der
Möglichkeiten anzubieten. Beobachten, Zeigen und Verstecken, Ansprechen
oder Ansprechenlassen, die Kontakt- und Beziehungsmodi illustrieren die
Bandbreite der Verhandlungen, wie man sich kennenlernt. Auch hier gibt
es spezifische Regeln der nächtlichen Milieus, wenn auch manchmal ein
eigenwilliger Weg den größeren Erfolg verspricht. Im Kern geht es dabei
um eine performative Struktur, die allen nächtlichen Handlungen
unterliegt. Exemplarisch möchte ich hier einen Kerzenverkäufer erwähnen,
der durch die nächtlichen Berliner Kneipen zieht, seine Kerzen verkauft
und von sich selbst als "Schauspieler" auf einer "Bühne" spricht. Die
Bühne des Nachtlebens umfasst Möbelstücke und Dekorationselemente,
Lichtstimmungen und Raumsettings, die als "Requisiten und Kulissen für
menschliches Handeln (dienen), das sich vor, zwischen und auf ihnen
abspielt." (Goffman 1983, S. 23.) Im Bild der Bühne wird ebenso die
Interaktionsstruktur der beteiligten Menschen festgelegt, die als
Akteure und Zuschauer fungieren. Darüber hinaus gibt es gibt es ein
umfangreiches Bewusstsein von den sozialen und kulturellen Regelns in
den nächtlichen Milieus. Nachtschwärmer kennen Zeichen, Codes und
Bedeutungen, die in den unterschiedlichen Milieus als ungeschrieben
Gesetze gelten. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass viele Milieus
sozial diffuser und durchlässiger sind, als Tagesmilieus, was ihren
besonderen Reiz ausmacht. Eine bekannte Chansonsängerin erzählte mir von
aufregenden Nächten in schwulen Bars, in denen sie als "Mann" verkehrt.
Ein Sozialhilfeempfänger diskutiert in einer Kneipe mit etablierten
"Altlinken" , auch wenn er heimlich sein mitgebrachtes Bier trinkt. Und
ein beruflich unbefriedigter Büroangestellter geht auf festliche
Premierenfeiern und ist sichtlich erfreut dazuzugehören. Wieder ein
anderer studiert seine Umgebung im Café und lernt von den Umgangsformen,
die ihm besser erscheinen als die in den Arbeiterkneipen seines
Wohnbezirkes. Es ist, als verspräche die Nacht, die Karten neu zu
mischen und die Rollen noch einmal neu zu verteilen. Der Wunsch 'ich
wäre so gern wie sie' navigiert durch so manche Tür und macht deutlich,
dass es möglich ist, für Augenblicke etwas anderes zu sein. Die
gemeinsame Identität der Nachtschwärmer, sei sie imaginiert oder in
glücklichen Augenblicken eingelöst, sucht sich von den "normalen"
Menschen abzugrenzen, von denen mehrere Interviewpartner distanzierend
sprachen. Die "Spießer", die "Kleinbürgerlichkeit und das Beamtentum"
regieren am Tag, während in der Nacht das Bild einer Gegenöffentlichkeit
entworfen wird. Auch wenn der beschriebene Milieuwechsel mit jeder
Nacht stattfindet, wenn sich die soziale Topographie eines Stadtviertels
verändert, macht die 'überhebliche' Rede davon aber auf mehr
aufmerksam. Der Gestus der Distinktion, sei er noch so versteckt, noch
so subtil, zeigt, dass das nächtliche Ausgehen die Sprache des
Unterschieds zitiert. Selbst der Ausspruch einer Nachtschwärmerin: "Ich
bin die, die eine Schacke hat" manifestiert als ironische
Selbststilisierung den Bruch mit der Bürgerlichkeit. Auch in den
festgehaltenen Assoziationen eines anderen Nachtschwärmers vom "Schlaf
der Rechtschaffenden", der "Nacht als Bürgerschreck" verbindet der
nächtliche Flaneur das Nachtleben mit "antibürgerlich und dekadent".
Diese Codes nächtlichen Lebens stiften eine imaginäre Gemeinschaft der
Gleichen, machen auf den distinktiven Charakter nächtlichen Lebens
aufmerksam und erinnern, das sei angemerkt, an das aristokratische
Modell der Nachtkultur.
Körper und Natur
Vor ein paar Jahren sah ich in einem Berliner Kino einen Film, der die Nachtgesichter wichtiger europäische Metropolen zu portraitieren versprach. Die Dokumentation lief in der Spätvorstellung und die kontemplative Atmosphäre im Kino wurde zu meiner Überraschung durch den Film noch verstärkt. Die Kamera tauchte in die Dunkelheit und zeigte die leeren Straßen von Rom, Istanbul, Paris und anderswo. Ein heftiger Wind pfiff durch die Stille der Aufnahmen, fegte durch die Straßenschluchten, wirbelte Müll und Laub auf, schüttelte Straßenlampen und alte Zäune und fuhr singend durch verrostete Werbeschilder. Weiße Nachtwolken zogen über das Häusermeer einer schlafenden Stadt. Eine Katze lief in großer Ruhe über den Bürgersteig. Die Nächte im Film und die Nacht im Zuschauerraum wurden zum Zeitraum naturnaher Meditationen - auch wenn die Luft im Kino stickig war, atmete der Film. Kehrt etwa mit der Nacht die Natur in die Stadt zurück? Als ich im Sommer 1995 die ersten Nachtschwärmer traf, lenkten mich ihre Schritte mehrmals in Straßencafés, in Parks und Grünanlagen, führten mich ihre Gedanken in eine Nacht, in der die hektischen und lärmenden Konturen städtischen Lebens verschwunden waren. Die Innenräume der Cafés blieben lange leer. Wer einen Platz fand, setzte sich an die Tische, draußen auf dem Trottoir. Umgeben von akustischen und visuellen Eindrücken, von Gerüchen und Temperaturen der nächtlichen Umgebung, versuchten mir die Nachtschwärmer die Bedeutung der Natur in ihrem Leben zu beschreiben. Dabei wurde die äußere, nächtliche Natur mit der eigenen, inneren Natur in Beziehung gesetzt. Die besondere Atmosphäre "Nacht", die sinnlich vom Aufleben der Nahsinne, des Spüren, Tastens, Riechens und Schmeckens lebt, ermöglicht den Nachtschwärmern die Erfahrung, in der Natur wieder Natur zu sein. Hier stellt sich eine junge Frau nachts auf den Balkon, atmet tief durch, um der "stickigen Luft des eheliches Schlafzimmers" zu entkommen, dort wandert ein Mann durch einen Stadtpark, um in der nächtlichen Natur zu meditieren, und wieder ein anderer freut sich nach einem Clubbesuch auf die "erfrischende Radfahrt" nach Hause. Die Nacht wird zum 'Sesam-öffne-dich', der steinernden Stadt zu entgehen, wenn Menschen nachts durch sie spazieren, von Gerüchen erzählen, von Geräuschen des Windes oder den Lauten der Nachttiere. "Die Dunkelheit ermuntert ... hinauszugehen auf die Straßen wie aufs offene Meer. Die Nacht mit ihrer bunten Fauna von Nachtschwärmern, Prostituierten, Gigolos, Alkoholikern ... trägt in die großen Metropolen ein Parfüm von Heimlichkeit, einen Geruch von Wald und Vagabundentum. Man schwimmt in der Dunkelheit, in einer reglosen und wollüstigen Luft, die einen streichelt, einlädt zu verweilen, in ihr zu baden, nicht nach Hause zu gehen"(Bruckner/Finkielkraut 1981, S. 230/231). Deutlicher kann das nächtliche Eintauchen in Natur nicht beschrieben werden, wenn selbst die menschlichen Akteure der Stadtnacht als Fauna, als zur Tierwelt gehörig, bezeichnet werden, wenn man in der Dunkelheit schwimmen kann oder sich von der wollüstigen Luft streicheln lässt. Die metaphorische Rückverwandlung des Stadtmenschen in ein sinnlich empfindendes Tier vollzieht sich im Übergang vom Tag in die Nacht und konfrontiert die Stadt mit Natur. Es wird deutlich, dass die Anpassung an die städtischen Lebensbedingungen, von Gottfried Korff im Konzept der "inneren" Urbanisierung (Korff 1985, 343 - 361) beschrieben und in der Frage nach den emotionalen und geistigen Folgen des Urbanisierungsprozesses konkretisiert, auch eine Nachtseite hervorbringt, von der Korff nicht gesprochen hat. Denn die sinnliche Verarmung, die "Dumpfheit, Monotonie und taktile Sterilität, die schwer auf unserer städtischen Umgebung lastet" (Sennett 1997, 21) wird in der Nacht, in der Konjunktur der Körperempfindungen behoben. Nachtschwärmer wissen um die andere Seite der Stadt und ihrer hoch organisierten und mühevollen Tageswelt. Die ruhige, dunkle Stadt unterläuft die Bewegungsgesetze des Urbanen, lässt städtische Konturen verschwinden, verwandelt den Lärm in leises Rauschen, lädt Gefühle auf und zeigt als Naturnacht die städtischen Oasen der Sinnlichkeit. Das unterschlagene Pendant der urbanen "Kultur der Indifferenz", welche als Stichwort die begrenzten, versachlichten, anonymen und entpersönlichten Lebensbezüge in der Großstadt bezeichnen soll, wird als Nachtstück aufgeführt. Sein Titel lautet: Von der Natur und der Empfänglichkeit.
Erotik und Geschlecht
"Prinzipiell gehe ich natürlich nachts
weg, um eine Frau kennenzulernen", gesteht mir ein Nachtschwärmer, der
mehrmals die Woche ausgeht. Und ein anderer sagt: "In unserer
Gesellschaft ist die Nacht dafür da, seinen erotischen und sexuellen
Bedürfnissen zu folgen. Alle glauben daran, dass die Nacht diese
Sozialerotik hat und deshalb hat sie sie auch. Wir verlassen mit der
gleichen Motivation das Haus, um jemanden kennenzulernen, um andere
Leute anzuschauen, die sich kennenlernen wollen." Die Hymne von der
erotischen Nacht stellt sich als eine "kollektive selffulfilling
prophecy" dar. Dabei verknüpft die "Sozialerotik" individuelle und
kollektive Erwartungslagen mit den kulturellen Praxen des Ausgehens und
den ihnen vorangehenden Vorbereitungen und schließt sowohl die
atmosphärischen Eigenschaften nächtlicher Lokalitäten als auch die
metaphorischen Qualitäten der Nacht ein. Die erotische Nacht erscheint
deshalb als Summe gedämpfter, schützender und animierender Licht- und
Raumstimmungen, einer permissiven, die körperlichen Lüste auffordernden
Moral, den Menschen, die diese Moral in ihren erotische Erwartungen
tradieren und ausdrücken und einem gesteigerten Drogenkonsum, der auch
jede meiner bisherigen Begegnungen mit den Nachtschwärmern auszeichnete
und auf die Stimmungen einen großen Einfluss nahm. Hinzugefügt sei, dass
die Wahrnehmung des nächtlichen Lichtes mehrfach mit einer abnehmenden
Selbstkontrolle beschrieben wurde. In der Nacht kannst du "dein 'Es'
mehr verwirklichen, wie es Freud sagen würde" lautet die Auskunft eines
Nachtschwärmers, die die nächtliche Konjunktur des Leiblichen und
Unbewussten auf den Punkt bringt. Auch viele Assoziationen betonen die
erotische Erwartung an die Nacht. Regelmässig begegneten mir in den
Gesprächen die Worte "Sex", "Liebe" und "Lust" oder Assoziationen wie
"Traumprinz", "man lässt die Hüllen fallen", "Aufregung", "Sehnsucht",
"Umarmung", "kein Ende finden" oder "sexuell erregbar sein". Wenn ich
die Erlebnisse der Nachtschwärmer betrachte, ob sie nun vom "ersten
Rendezvous mit einem Mann", das in der Nacht stattfand, erzählen oder
von einer Bar, in der man "prima Weiber abschleppen kann" wird eine von
fast allen eingestandene erotisch motivierte Suche nach dem anderen oder
gleichen Geschlecht offenkundig. Die nächtliche Kommunikation und die
Kontakte werden davon berührt. Sie werden als "offener", "weniger
reglementiert" und "durchlässig für Erotisches" erlebt. Doch lassen sich
diese Aussagen für Männer und Frauen gleichermaßen feststellen?
Eine
Frankfurter Raverin erzählte mir, dass sie von Männern, die nur einen
One-Night-Stand suchen, die Nase voll habe: "Deshalb gehe ich in die
Clubs, wo die Ultracoolen abhängen. Da werde ich am wenigsten dumm
angemacht." Und zwei andere Frauen, die nachts in einer Kneipe sitzen,
werden von betrunkenen Männer angemacht. "Na ihr Schönen? Was ist los
heute Nacht?" Ihre schroffe Entgegnung weist die Männer zurück und
dennoch verlassen die Frauen kurze Zeit später das Lokal. Für sie war
der Abend gelaufen.
Episoden, die die ambivalente Erfahrung, als Frau
nachts unterwegs zu sein, illustrieren. Für nicht wenige Frauen droht
die Kontaktsuche nach wie vor schnell in sexuelle Belästigung
umzuschlagen. Die "weibliche" Angst vor der Nacht klingt auch in der
Bemerkung einer weiteren Nachtschärmerin an: "die Gefahr lauert
überall!" Hier wird die Erfahrung ausgedrückt, dass männliche Übergriffe
und Grenzverletzungen immer wieder zu gegenwärtigen sind. So ist die
erotische Nacht, die eingangs als eine geschlechtsübergreifende
Erwartungshaltung beschrieben wurde, aus dem Blickwinkel der Frauen mit
der Vorstellung der gefährlichen Nacht verbunden. Die unterschiedliche
Verteilung der Gefährdungen in den städtischen Räumen der Nacht
kennzeichnet als Machtgefälle die Beziehungen zwischen Frauen und
Männern. Deuten wir die benannten Beispiele der Frauen, werden die
geschlechtsspezifischen Implikationen der erotischen Nacht sichtbar, die
auf eine männliche Dominanz innerhalb der Nachtkultur verweisen. In
dieser Nachtkultur existieren Geschlechterstereotype, die das Verhältnis
zwischen Mann und Frau als eines zwischen Subjekt und Objekt
reproduziert. Werden diese Stereotype angenommen, erscheint der Mann als
Täter und wird die Frau zu seinem Opfer. Die Beziehung zwischen den
kulturellen Stereotypen und den auf sie bezogenen individuellen Umgangs-
und Darstellungsformen regeln Diskurse, die aus der Sichtweise einer
Nachtschwärmerin die sexuellen Übergriffe durch Männer zu legitimieren
scheinen. "Am Ende wird es doch so gesagt," bemerkt eine
Nachtschwärmerin. Am Ende hat die Frau vielleicht selbst Schuld, wenn
sie nachts ausgeht?
Die männliche Dominanz im Diskursraum Nacht
konkretisiert sich als lautstarkes Anpöbeln der Frauen in einer Kneipe
und umfasst auch die allgemeinen Denk- und Erklärweisen, mit denen diese
Situationen beschrieben werden. Es wird deutlich, dass die männlichen
und weiblichen Wege in die Stadtnacht nicht die gleichen sind. Ein
kurzer historischer Rückblick erhellt die Geschichte dieses Unterschieds
und zeigt auf, dass die weibliche Eroberung der Nacht keine hundert
Jahre alt ist. Noch im ausgehenden 19. Jahrhundert stand die abends
allein ausgehende Frau unter einem extremen Prostitutionsverdacht, und
es erübrigt sich anzumerken, dass dieser Argwohn und seine
kriminalisierenden Folgen viele Frauen daran hinderte, nachts
auszugehen. Selbst der 1903 in Berlin eingerichtete polizeiliche
"Damenschutzdienst", der den 'anständigen' Damen in der Nacht Sicherheit
vor Übergriffen bieten sollte, tradierte den Prostitutionsverdacht, da
jeder Polizist angehalten wurde, die Spazierende eindringlich zu
taxieren, um ihr Geleit nach Hause oder auf das Revier anzubieten. "Erst
in den 1920er Jahren, im Zusammenhang mit dem Versuch einer allgemeinen
Demokratisierung des Lebens, öffnete sich der nächtliche Stadtraum für
Frauen" (Schlör 1994, 173). Blicken wir wieder auf die interviewten
Nachtschwärmerinnen, so lässt sich ein Fortschritt in der
Selbstverständlichkeit des Ausgehens erkennen, auch wenn die Stadtnacht
dabei in konkrete räumliche und zeitliche Reservate zerfällt und Frauen
immer wieder mit verbalen und manchmal auch körperlichen Übergriffen
durch Männer konfrontiert werden. Immer mehr Frauen erwidern den
männlichen Blick und weisen die Selbstverständlichkeit des Übergriffs
zurück. Die Demokratisierung der Nacht, die durch die Emanzipation des
weiblichen Geschlechts eingeleitet wurde, ist aber noch lange nicht
abgeschlossen.
Trend und Mobilität
Zwei Frauen stehen auf der Titelseite einer Berliner Stadtillustrierten zum Abflug bereit. Sie tragen 'cosmic-fashion': silberne Röcke, Plateaustiefel, Kunstfelljacken mit eingenähten Flügeln und die obligatorischen Sonnenbrillen. Schlagzeile: "Nachtflug - Abheben ab Mitternacht" (Zitty 1997). Das aerodynamische Outfit suggeriert einen Flug im jet-set des Zeitgeistes. Der "Szenenwechsel im Minutentakt" bietet Abwechslung für diejenigen, die ihr Leben auf Beschleunigung ausgerichtet haben. Ein aktueller Club hier, eine neue 'location' dort, der 'run' durch die Nacht verwandelt die Nachtschwärmer in Nachtvögel und setzt einen 'sozialen Gewichtsverlust' voraus, den diese Mobilität voraussetzt. Auch die von mir interviewten Nachtschwärmer codieren ihr Unterwegssein mit den zeitgenössischen Chiffren der Mobilität. Diese ist jung, teuer, modisch und bindungsarm. Da scheint selbst die Liebesbeziehung nicht mehr mitzukommen, wie ein Nachtschwärmer bemerkt: "Ehrlich gesagt leide ich ein bißchen darunter, dass ich durch mein Leben, meine Arbeit und die Beziehung nicht mehr so oft ausgehen kann, wie früher". Die Jagd durch die Nacht folgt dem richtungsweisenden Fetisch des Neuen, der die Praxis des Ausgehens vollendet.: " ...mir ist es wichtig an Orten zu sein, die gerade angesagt sind. Das ist wirklich der Kick!" Die innovative Nacht repräsentiert die individuelle Suche nach dem Neuen und Unbekannten, der sich mehrere Nachtschwärmer widmen. Die Gefolgschaft des Zeitgeistes verlangt neben der sozialen Mobilität ein feines Sensorium und eine, die jeweiligen Szenen kennzeichnende hohe Binnenkommunikation, um zu wissen, wo man hingehen muss. Schließlich lässt sich die neue Nacht auch als Zugehörigkeits- und Distinktionsmodell verstehen, das den Bruch mit der sozialen Alltagsrealität vollziehen hilft. "Für mich sind Leute, die wenig ausgehen, auch irgendwie langweilig, angekommen, völlig im Alltag verhaftet, vor dem ich mich noch immer retten kann." Danach schafft das jeweilige Erleben des unbefriedigenden Alltags die mobile und unalltägliche Erwartungshaltung an die Nacht, setzt die signifikante Ablehnung des routinierten Tageslebens voraus und synthetisiert die Nacht als ein Laboratorium des Neuen. Die Überblendung des nächtlichen Ausgehens mit der Vorstellung der innovativen Nacht zitiert die Zeichensprache nächtlicher Milieus, ihre Trends, Stile und Moden, die den Zeitgeist formen und repräsentieren. Deutlich wird das in der erzählten Berufsbiographie eines Dichters, die mit einer zündenden Idee begann. "Ich handelte wie ein Erfinder, der etwas Neues, etwas Ungewöhnliches probieren will ...". Bewusst suchte er den "günstigen" und "schützenden Rahmen" der nächtlichen Milieus auf, um Gedichte zu verkaufen. Seine ungewöhnliche Idee wurde angenommen. Eine künstlerische Passion wandelte sich so in einen professionellen Job, der ökonomischen Erfolg verspricht. Von dem intellektuellen Flair der nächtlichen Szenen berichten gleichwohl einige interviewte Nachtschwärmer und machen deutlich, dass neben den erotischen Erwartungslagen ebenbürtig die intellektuellen zu erwähnen sind. Hier verweist die gelebte Praxis neuer Ideen auf eine Spezifik des Nachtlebens, das die kulturellen und sozialen Bewegungen einer Stadt ausdrückt. Die neue Nacht ist dort am neuesten, wo Veränderungen passieren, wo Menschen hinziehen oder nachts in dem Bewusstsein ausgehen, dass etwas los ist. Nicht zufällig wanderte der Dichter von West- nach Ostberlin und eroberte am Anfang noch mit Unsicherheit und Angst das 'etablierte' "Künstlerviertel" der Stadt. Seine Bedenken in diesen "Kreisen nicht anzukommen", das "Niveau" nicht zu bestehen, zerstreuten sich in den Lokalen des Viertels, in denen er vor allem Touristen traf. Nicht zufällig auch führten mich drei der Nachtschwärmer in dasselbe Viertel. Einer zeigte mir seinen "ultimativen Ort" des Nachtlebens, eine andere blätterte im Reiseführer, der schwarz auf weiß beschreibt, was es zu sehen gibt. Ihr Ankommen in Berlin wurde zum Ankommen im trendigen "Künstlerviertels". Die neue Nacht verknüpft die individuellen Erwartungslagen der Nachtschwärmer, ihre Aufgeschlossenheit dem Zufall gegenüber, dem Ungewohnten und Neuen und oft auch dem Fremden mit der produktiven und kreativen Atmosphäre nächtlicher Milieus. In den Probierbühnen und Experimentierräumen der Nacht verhandeln Akteure und Zuschauer den Erfolg und Misserfolg des Neuen, folgen die Trends oder bringen neue hervor. Was planmäßig klingt, wird allzuoft vom Zufall überrascht, verstärkt oder verhindert. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, von der alle Nachtschwärmer erwartungsvoll erzählten, wird dadurch nicht eingetrübt, ist doch der "Zufall die weltliche Form des Wunders geworden" (Virilio1992, 81).
Berlin zwischen Sekt & Selter - Ein Kneipenführer. Cadolzburg 1992, S. 7.
Bruckner, Pascal und Finkielkraut, Alain: Das Abenteuer gleich um die Ecke: München/Wien 1981.
Etymologisches Wörterbuch des Deutschen: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München, 1995, S. 1256 Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag: München 1983.
Gottfried Korff: Mentalität und Kommunikation in der Großstadt. Berliner Notizen zur "inneren" Urbanisierung. In: Kohlmann, Theodor/Bausinger, Hermann (Hg.): Großstadt. Aspekte empirischer Kulturforschung. Berlin 1985, S. 343 - 361.
Schlör, Joachim: Nachts in der großen Stadt. Paris, Berlin, London 1840 - 1930: Frankfurt am Main 1994.
Schmitz-Normann, Rüdiger: Unsere Nächte sind bunter als eure Tage. Bizz Capital, August 2000.
Sennett, Richard: Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation: Berlin 1997.
Virilio, Paul: Rasender Stillstand: München und Wien 1992.
Zitty, Illustrierte Stadtzeitung, Berlin, Nr. 2, 1997
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